Eine heiße Erfrischung

Es soll Schüler gegeben haben, die wegen dicke Backen verursachender Weisheitszahnextraktionen nicht vor Ort sein konnten und die daher dereinst das Schauspiel des Lebens um eine Inszenierung ärmer werden verlassen müssen. Die verbliebene Schülerschaft des 11. Jahrgangs indes pilgerte Jüngern gleich am 19. Juni 2026 der dem Abbruch geweihten Kleinen Aula entgegen, jener bekannten und sich doch mithin der Außenwelt erwehrenden Trutzburg künstlerischer Enthemmungen, die dank Herrn Lücke um eine Caprice, um eine letzte Volte reicher werden sollte.

 Mit Faust I Refreshed würde er sich über das Maß des Üblichen hinauswagen und ein Virtuosenstück vollbringen, das sich bescheidene Geister bis dato gar nicht vorzustellen wagten – so viel war sicher. Die Schülerschaft saß, gespannt das Ohr, mit mal ungläubigem, mal scheuem Blick da und wurde von einem Akteur, der das Spiel des Lebens durchschaut hat und es um Übermenschliches, um Transzendentales bereicherte, in die Traumwelt der goethischen Gigantomachie entführt, deren tragikomischem Figurenrepertoire er aus einem Munde eine Vielzahl neuer Stimmen verlieh. Mit dem unnachahmlichen Zungenschlag eines gediegenen Dialekts hier und einer sinistren Mundart da offerierte Herr Lücke der andächtig lauschenden Schülerschaft eindrückliche Charakterschattierungen gleich Dutzender Weltgeister und verlieh ihnen ein gerüttelt Maß an Würde, Erhabenheit, Tollkühnheit und Frivolität. Hier – und das mochte selbst der kälteste Analytiker spüren, der es abseits aller Logik wagte, dem Vorgang mit Distanz und Gelassenheit zu begegnen – entbarg sich ein Menschenkind in den noch auszulotenden Grenzregionen eines ihm auf dem Schicksalswege dargebotenen Urtextes: eines Vitalitätselixiers des alten Meisters Goethe vom Weimarer Frauenplan.

Dies war Theater, das – um den Epigonen Karl Kraus zu paraphrasieren – dem Mars zugedacht war und damit unaufführbar hätte sein können, wenn nicht die allseits anerkannte Geistes- und Körperkraft des Herrn Lücke gewesen wäre. Es soll – mehr oder minder passend an dieser Stelle – nicht verschwiegen werden, welch mystischen Einfluss die Witterung in freudvollem Gleichklang mit der intellektuellen Großwetterlage auf die Inszenierung hatte; wie sich nämlich die vom mittäglich auflösenden Regen arg erschwerte Luft von da draußen ins Gebäudeinnere schlich und die Vereinigung mit den Ausdünstungen rackernder kleiner grauer Zuschauerzellen zu Mitten der Ränge anstrebte. Erstaunlich, aber wahr – oder vielleicht auch gar nicht so erstaunlich, wenn man es denn recht bedenkt –, dass so mancher starke Jüngling, der sich tags zuvor noch gerühmt, ein ordentlicher Sportsmann zu sein, der der Stählung seines Körpers am massiven Fitnessgerät in aktiver Hingabe an die altgriechische Devise des gesunden Geistes in gesunder Hülle angehangen war, benommen in die rettende Hitze des gellend weißen Sonnenlichts torkelte, die Glieder bleiern von Schweiß ganz blass, nur um in Bälde durch freundliche Lehrerhand, mithin durch den menschenfischenden Kescher der Pädagogik eingefangen und erneut dem im Geisteslicht erstrahlenden Gebäudeinneren zugeführt zu werden. Er, der Ermattete, konnte, ja durfte doch schließlich nicht auf Gnade hoffen – auf Gnade, die Herrn Lücke, gefangen von den harschen Hunderthändern der Lebenskunst, auch nicht gewährt wurde; schimmernd vom erhellenden Wissen um die Schöpferkraft der Überforderung und der Herausforderung, wie sie sonst nur die edelsten Priester gehobener Lebenskunst zu loben wissen, rezitierte er Vers um Vers – nein, nicht rezitierte er: er füllte Vers um Vers mit Seele, mit seiner Seele.

Als wäre es als perfider Schabernack eines koboldhaften Ludewigs erdacht worden, wummerte und pochte die Heizung der Kleinen Aula unaufhaltsam und mit voller Wucht und entließ als Untermalung des bekanntermaßen schwülen Frühsommertags mit jeder Minute, mit jeder Sekunde gar reizendes Heizgas in die Atemluft, die – ohnehin schwer und gespannt – eine zunehmende Bürde für alle, nur nicht für Herrn Lücke wurde, der ihr mit frappanter Widerstandsfähigkeit Machtbegehren um Machtbegehren nahm und nicht zuletzt dergestalt seine Gefolgschaft mit der Gloriole des Augenblicks infizierte. Voller Disziplin und in ehrfürchtiger Anerkennung sahen sie alle, wie er Vers um Vers beseelte – es sollte über das doppelte Tausend hinausgehen, beizeiten begleitet von Herrn Christian, der mit dem milden Lächeln des Kenners und Eingeweihten aus selbstgewählter Abgeschiedenheit gen Publikum lugte, um schon im nächsten Augenblick seinem Spinett so manche gespenstige Melodei zu entlocken, die der Tradition Schönbergscher Zwölftonkantaten entstammen mochte.

 In jedem Moment dieser unverhofften, allerdings bewillkommneten Erfrischung goethisch-faustischer Textexegese war die Aura einer Gleichwerdung des Spielenden mit seinem Spiel zu erfassen: eine vollendet veredelte Vereinigung von Vorlage, Figuren und Figurant. Und so lebt über die dargebotene Performance hinweg der Geist Goethes in allen Zuschauern auf ewig fort – und mit dieser Erinnerung auch das Wissen, dass es das Individuum, nicht bloß das Material ist, das die Welt zu verändern vermag. Aber das gilt nur dann – und auch das muss als Moral des Geschehenen akzeptiert werden –, wenn man sich nicht um der schnöden Zahnentnahme willen wahrer Weisheit rabiat zu entziehen bereit ist.

Mz

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